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Die ziemlich miese Geschichte von Mainz

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Mainz,
  eine ziemlich miese Geschichte …

220 Millionen Tonnen Binnenschifffahrt Heute und Morgen

Werner Schwarz

 

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1000 Jahre Mainzer Dom

Durchaus denkbar, dass der eine oder andere Brocken roter Sandstein mit einem Floß oder einem Kahn den Rhein hinunter angeliefert wurde.

„Krrcccchhh … Du darfst hier nicht mehr bei …“, knarzte es wie immer, wenn er auf dem Vorschiff steht, gelangweilt, lustlos und monoton durch den Lautsprecher vom Backbord-Funkgerät auf Kanal 17, dem internen Schiffsfunkkanal, dem Kanal für interne Angelegenheiten, die nur das betreffen, was man so auf dem Schiff, untereinander besprechen muss, überwiegend eher Nautisch wichtiges.
Richard, mein Steuermann, steht vorne an Deck, um das Schiff an Land festzumachen, denn heute geht’s nach Hause, Schichtwechsel nach 3 Wochen Dienst, endlich frei. Wir waren mit dem Bug noch gute 100 Meter von der geplanten Anlegestelle in Mainz, oberhalb der Zollhafeneinfahrt
entfernt, was Richards müde Augen nicht weiter störte, als wir diese Liegeverbotszeichen vor uns an Land an der Steuerbordseite entdeckten.
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Ich nahm den Hörer des Funkgerätes zur Hand, drückte die Sprechtaste und fragte nochmals nach, um mich zu vergewissern richtig verstanden zu haben, „Was redest Du denn da, Rich?“, so nannte ich ihn immer. „Na, Du darfst hier nicht mehr bei, da steht ein Liegeverbotsschild“,
kam es genervt aus dem Lautsprecher zurückgeschossen.
So nahm ich das Fernglas zur Hand und sah selber noch einmal vergrößert in die Richtung zu der Stelle, an der wir anlegen wollten, und diese unerwartete Beschilderung mahnte uns, dies nicht zu tun.
Und tatsächlich, da war dieses quadratische ca. 1 x 1 Meter große weiße Verkehrsschild mit einem schwarzen großen „P“ darauf. Außen etwa 20 Zentimeter breit, rot umrandet und rot von links oben nach rechts unten wurde dieses „P“ schifffahrtspolizeilich angeordnet durchgestrichen. Alles krachend Rot, was so viel bedeuten soll, wie Achtung!! „VERBOTEN“.
Ich schüttelte den Kopf und rief Rich erneut über UKW zu: „Spinnen die jetzt oder was ist hier los?“
„Ich hab keine Ahnung“, meinte er eher an Deck rumlümmelnd, „ist mir eigentlich auch egal“, sagend.

Egal, egal, ihm ist immer alles egal. „Mist“, dachte ich, so viele Möglichkeiten hatten wir jetzt gar nicht mehr. Die ganze uns ablösende Schicht, vier Mann Personal sind hierher nach Mainz an die Mauer am Zollhafen bestellt. Sie sitzen alle seit Stunden im Auto und sollten in näherer Zeit da sein. Die nächste Liegestelle mit Landverbindung ist offiziell erst wieder in Mannheim, das sind gute 8 Stunden Fahrzeit … hmmmmm, spätestens 14 Uhr ist in der Regel Wechsel und wir lagen mit Ankunft Mainz 13:15 Uhr sehr gut in der Zeit.

„Was tun?“, grübelte ich. Die Planung, wo der Schichtwechsel ungefähr von statten gehen soll, begann schon vorgestern, als wir von Rotterdam weggefahren sind. Jetzt kommt man hier an und dann diese Kacke …
„Pass auf Rich, wir fahren da jetzt trotzdem bei“, rief ich kurz entschlossen via Funk ca. 90 Meter zum Vorschiff.

Richs ständig gebräuchliches, klägliches manchmal wehleidig klingendes „Jo“ begegnete fast schon meinen Funkversand, so schnell hatte er geantwortet.

„Aber nicht, dass da was mit der Mauer ist, die unter der Wasserlinie eingestürzt ist oder sowas“, kam noch hinterher.
„Wir fahren ganz langsam bei, wenn's nicht geht, dann mal sehen“, bekam er zur Antwort, als ich schon begann, ganz langsam den Gashebel des Hauptmotors mit 1.600 PS nach vorne zu drücken, um etwas Fahrt aufzunehmen.
Es fehlten ja noch gute 100 Meter bis zum auserwählten, aber verwehrten Liegeplatz an dieser gut 120 Jahre alten Hafenmauer am Zollhafen Mainz. Nun hatte ich mit dem Achterschiff quer ab zum Steuerhaus dieses Schild schon fast passiert, als ich das Schiff ständig machte, also mit langsam rückwärtsdrehender Maschine die Fahrt heraus nahm. Im Abstand von drei Metern als das Schiff still stand, keine Fahrt mehr hatte, rief ich Rich: „So ich drücke jetzt mal langsam bei (schiebe das Schiff langsam in Richtung Mauer), wenn es knartscht oder knistert, sag sofort Bescheid.“
Rich meinte: „Jo“

Mit Bugstrahl, dieser Querstrahlanlage im Vorschiff, dem Ruder und der Maschine im Achterschiff begann ich also, das Schiff mit 1.500 Tonnen beladen und 2,50 Meter im Tiefgang langsam dosiert Richtung Mauer zu drücken, ein wenig darauf wartend, ob sich da etwas unter der Wasserlinie zu Wort meldet. Doch es blieb ruhig, das Schiff konnte wie gewohnt, wie immer, wie in den letzten 30 Jahren, so alt eben dieses Schiff ist, an dieser Mauer am Zollhafen in Mainz festgemacht werden.

Alles war erledigt, die Maschine wurde in Wartestellung gebracht, da dieser Personalwechsel nicht allzu lange dauern sollte und die ganze Crew traf sich noch einmal im Steuerhaus. Da war die Kritik groß, laut und böse, muss man sagen.

„Die spinnen doch hier“, und, „Die können doch nicht diesen Liegeplatz auch noch weg machen“, „Wo sollen wir überhaupt noch an Land kommen?“

Zu all dem spekulierte man noch kurz gemeinsam, ob das ein längeres Verbot bleiben wird oder vielleicht nur mit dieser Sanierung dieses alten Lagerhauses, keine 50 Meter von dieser Mauer entfernt, zusammenhängen könnte.

Man hat diese Baustelle schon bemerkt in der letzten Zeit, wenn man hier vorbei gefahren ist, ob nun „zu Tal“, mit dem Strom, rheinabwärts Richtung Nordsee oder „zu Berg“, gegen den Strom, rheinaufwärts, Richtung Basel fuhr. Wobei also eher die andere Schicht, die nun gleich an Bord kommen soll, in Mannheim links abbiegen muss in den Neckar hinein und 200 km hinauf bis nach Plochingen, das schon auf sie wartet.

Hier in Mainz sind doch jedes Mal Veränderungen zu erkennen. Irgendwie mehr als sonst, wenn man so nach links oder rechts an die Ufer der anderen Städte schaut.

„Wie auch immer, Leute“, sagte ich, „wir ändern daran erstmal nichts. Macht Euch fertig, damit der Wechsel nicht allzu lange dauert und die anderen zügig weiterfahren können. Nach Mannheim in den Neckar rein und an die Schleuse Freudenheim, sollten sie heute schon noch kommen, bevor das Ende der erlaubten Fahrzeit von 14 Stunden erreicht ist.“

Gesagt getan, ging ein jeder in seine Unterkunft und und traf die letzten Vorbereitungen für den Antritt seiner Freischicht.

In meiner Wohnung auf der Backbordseite, der Land abgewandten Seite, erhielt ich dann schon einen Anruf von meinem mich ablösenden Käpt'n, dem Erich. Er wäre gleich da und bringt seinen Steuermann mit, die anderen beiden kämen selbstständig, erzählte er. Rich klopfte an meine Tür.

„Haste schon was gehört“, fragte er nach, ob sich denn die anderen schon gemeldet hätten.
„Ja, gerade eben, Rich, kannst eigentlich abhau'n, die sind gleich da.“
„Super“, sagte er, „dann bekomme ich meinen Zug noch.“

Rich reiste meist mit dem Zug. Von Mainz wäre wohl eine spitzen Verbindung Richtung Kassel.
„Alles klar, gute Fahrt“, Shakehands und „schöne Freischicht“, sagte ich.

Er schaute noch einmal mit einem weiten Blick über den Rhein stromaufwärts und erkannte in der Ferne einen sich uns nähernden Gast, den jetzt so kurz vor Schichtwechsel eigentlich kein Mensch mehr gebrauchen kann.

„Ich denke, Du bekommst Besuch, die waren aber schnell, die Wegelagerer, ich hau ab und tschüss“, und weg war er.

Ich sah aus meiner Tür hinaus, als auch schon ein Dienstboot der Wasserschutzpolizei direkt neben uns wendete. „Das ging aber tatsächlich schnell“, dachte ich noch und zog dabei einen 20-Euro-Schein aus meinem Portmonee. Das ist so ein wenig der Standardpreis für Ordnungswidrigkeiten, welche die mir jetzt bestimmt aus den Rippen leiern wolllen, weil man doch hier nicht mehr anlegen darf, ging es mir durch den Kopf. „Also kommt, kassiert und fahrt wieder“, wetterte ich in Gedanken. Ich wollte doch nach Hause und mein Bedarf an Kacksituationen war eigentlich mit dieser „No-Liegeplatz“-Erfahrung mehr als gedeckt. So trat ich kurz an Deck und bevor einer der Beamten sein Boot an unserem Schiff verzurren konnte, reichte ich ihm schon kommentarlos die 20 € hinüber.

Der meinte nur: „Was soll ich damit?“
„Na ja, abkassieren“, begann ich genervt, „darum seid Ihr doch da oder wollt Ihr mit mir singen?“

„Na, beruhigen Sie sich mal“, meinte er nur, „wir wollten Sie nur darauf hinweisen, dass dieses Schild da“, auf dessen Richtung an Land er zeigte, „nicht umsonst da steht und wir, bis alle Schiffe wissen, dass man hier nicht mehr anlegen darf, erstmal mündlich verwarnen werden.“

„Also, beim nächsten Mal geht das nicht mehr“, meinte er du-du-sagend und dass sie nur die vollziehende Behörde seien, dass sie das Verbot auch nicht gut fänden, aber eben Ihre Anordnungen hätten. „Na dann, gute Fahrt und auf Wiedersehen, schleicht Euch jetzt endlich“, dachte ich. Hab weder Lust noch Zeit auf sowas, will nur von Bord, irgendwie hab ich keine Lust mehr. Und da drehten sie auch schon wieder über Backbord ab, weiter rheinabwärts.

Keine 20 Minuten später war die neue Crew an Bord, alle anpacken, heißt es da in der Regel, den ganzen Krempel der Gegenschicht an und das der abgemusterten Schicht von Bord schleppen. Dann schnell ins Steuerhaus und mit Erich eine ordnungsgemäße, im gewohnt geregelten System umfangreiche, aber gut vorbereitete und vorgeschriebene Schiffsübergabe machen. So ganz nebenbei fragte ich Erich, ob er denn dieses neu platzierte Liegeverbotsschild gesehen hätte, die WSP war auch schon da und hat mich mündlich verwarnt fürs nächste Mal.

Da fing er auch noch wild gestikulierend an zu meckern: „Jetzt geht's aber los, die haben doch einen an der Klatsche, sollen wir mit dem Hubschrauber Schichtwechsel machen oder was, die spinnen doch alle, wir scheinen doch wirklich der letzte Dreck zu sein, jetzt gibt es bald gar nichts mehr zwischen der Grenze zu Holland und Mannheim.“

„Man könnte vielleicht“, sagte ich dann, seiner Wut ins Gehege schießend, aber vorausschauend denkend, „wenn wir wieder hier wechseln müssen, dann könnten wir unterhalb vom Zollhafen, 100 Meter rheinabwärts, kurz hinter der Hafeneinfahrt am alten Containerterminal der Firma Frankenbach Schichtwechsel machen“, meinte ich, „wird sicher schwieriger, aber es würde oder muss dann eben dort gehen.“

Dort befinden sich auf ca. 300 Meter Länge seit Jahrzehnten im Abstand von 20 Metern ungefähr 15 Dalben im Wasser, allerdings sind diese gute 2 Meter vor der Kaimauer entfernt. Dalben sind übrigens schwere stahlrohrähnliche Dinger mit einem dicken Meter im Durchmesser, die sehr tief in den Flussgrund getrieben werden und noch ungefähr 5 Meter oberhalb der Wasserlinie herausschauen. Daran befinden sich Befestigungsmöglichkeiten, also Poller, woran man ein Schiff festmachen kann. Das Containerterminal der Fa. Frankenbach ist schon 2011 von hier stromabwärts unterhalb die Eisenbahn, der Nordbrücke, nach Mainz-Mombach gezogen. Wobei die meisten einst dachten, dieser Umzug hätte einen rein logistischen Hintergrund, weiß man heute, dass die Bebauung dieses alten Hafengeländes schon damals, also 2005, im Gespräch war und im Vordergrund stand, sicher auch ohne die hier immer anlegende Schifffahrt zu berücksichtigen. Leider hat die Stadt Mainz schon kurz nach Frankenbachs Umzug die ganzen Landverbindungen, diese fest verschweißten Stege oder kleinen Brücken, die an ungefähr jedem vierten Dalben, also immer für eine Schiffslänge angebracht waren und die Verbindung vom Schiff an Land sicherten, entfernen lassen.
Dass diese Dinge, diese sehr stabilen und sicheren Steganlagen den Erhalt der Stadt gefährdet hätten, kann man sich ja nicht unbedingt vorstellen. Einen nachvollziehbaren Grund allerdings auch nicht. Außer eben, man entfernte diese Steganlagen prophylaktisch, um des Schiffers Kadaver aus der Stadt zu halten, kurz um, ein Anlegen an dieser Stadt für die Schiffe unattraktiv zu machen. Wie auch immer, man müsste seine bordeigene Gangway an Land zerren. Die steht dann sehr steil und es ist eher gefährlich, an Bord zu kommen, man sollte dann besser mehr Zeit zum Schichtwechsel einplanen. Auch ein Grund, warum ich dort heute nicht anlegen wollte, mit all dem Gepäck und den ganzen Krempel, den ein jeder so mitbringt oder von Bord tragen muss.

Warum diese Stadt diese Landverbindungen von uns Schiffern zu sich Stadtmenschen entfernen ließ, bleibt wohl ein Rätsel und schmeckt etwas schal und es gibt eigentlich keine selbstverständliche Erklärung. So störten doch diese Landverbindungen niemanden in den letzten Jahrzehnten. Vor diesem Hintergrund meinte einer aus Erichs Mannschaft mit erhobener Stimme, während er sich wütend eine ansteckte: „Na ja, ist doch klar, Mann, die Stege kann auch das örtliche Gartenbauamt entfernen, um die Dalben zu ziehen, muss schweres Gerät ran, die stecken doch sicher 10 – 15 Meter im Flussbett, sicher keine einfache Sache, dafür brauchen sie Wasserbauer, Schwimmkran und Pontons, Profis also. Die Lust, dort anzulegen, haben sie den Schiffsleuten auf alle Fälle genommen , sonst hättest Du Dich doch dort zum Schichtwechsel hingelegt, oder? Außerdem gibt es doch fast keine Zufahrtswege mehr hier runter ans Wasser, die bauen doch da auch wie die Bekloppten. Ihr Ziel, die Schifffahrt von hier fernzuhalten, geht also auf, funktioniert doch, eine richtig miese Tour ist das, echt jetzt mal!“

„Ich hoffe mal, dass es eine verständliche, vielleicht auch menschlichere Erklärung für all das gibt“, beruhigte ich den immer wütender werdenden Mitarbeiter, „denn solch eine charakterlose Berechnung, von allen Instanzen vorgespielt und genehmigt, wäre wirklich absolut unterste Schublade.“

Wie auch immer, ich wollte jetzt nur noch von Bord, also alles gegenzeichnen , was so bei einer Schiffsübergabe von Nöten ist, auch hier Shakehands, den Wunsch einer guten Reise und einer angenehmen Schicht ausgesprochen und raus an Land in das genau vor dem Schiff geparkte Auto, den Mietwagen, mit dem Erich angekommen ist. Wobei mir in diesem Augenblick massiv auffiel, das war hier am Zollhafen auch immer so perfekt einfach, mit dem Auto bis vor das Schiff fahren zu können, egal ob die Frau mit den Kindern mal kurz zu Besuch kam, für einen Schichtwechsel oder das Taxi, das einem vom Supermarkt mit einem Kofferraum voll Lebensmittel für vier Personen für die nächsten 3 Wochen an Bord brachte. Oder aber auch mal ein Sanitäter, obwohl den an sich ja keiner haben möchte. Oh Gott, da will ich gar nicht dran denken, wie ich einen Verletzten oder schwer Erkrankten von Bord bringen soll, wenn es mal sein muss. Oder ich selber von Bord gebracht werden muss, bin ja keine zwanzig mehr, da kann doch immer mal was sein. Keine Ahnung, wie das alles funktionieren soll in Zukunft. Und noch bevor ich den Kofferraum geladen und das Navi für meine Heimreise programmiert hatte, schmiss die neue Crew auch schon den Dampfer los, um ihre Reise Richtung Plochingen fortzusetzen.

Ich verharrte noch einen kurzen Augenblick, um noch einmal kurz zu winken, bevor ich den Rückwärtsgang einlegte, um diese Stadt mit ihrer 76 Jahrtausende alten Schifffahrtsgeschichte zu verlassen. Denn genau hier, wo ich jetzt stehe, hatten schon vor über 2.000 Jahren die Römer ihren Hafen zu dieser Stadt errichtet, die sie Mogontiacum nannten. Da kamen die tatsächlich aus dem Gebiet des heutigen Italien hierher, um diese Stadt zu gründen. Und sicher kamen sie mit einem Schiff über den großen Teich gesegelt und gerudert. Ein Schiff, welches von den Römern gut erkannt, eine Anlegemöglichkeit benötigte. Womöglich wandle ich unbewusste auf des Heerführers, Nero Claudius Drusus, Spuren, ohne es zu wissen. Nun ist alles schick und fertig, scheiß auf die Anlegemöglichkeiten. Was ist der Mensch doch für ein Unmensch, vor allem, wenn es ihm zu gut zu gehen beginnt.

Fuck, was geht hier ab, dachte ich so dahinfahrend, mit etwas Geträller aus dem Radio und ich hatte nicht die Absicht, das so hinnehmen zu wollen. Wenn es wichtig ist, seinen Missmut mitzuteilen, dann ist dies jetzt der Fall, auch wenn ich allein auf weiter Flur meinen Protest anmelde , wollte ich auf keinen Fall darauf verzichten.

Zuhause angekommen, etwas runtergefahren, die sachlich objektive Denkweise aktiviert, informierte ich mich über die augenblickliche politische und parteiliche Situation in Mainz und im Internet fand ich recht zügig die Kontaktdaten zur Stadtverwaltung.

Es war mir wichtig, als „Wir“, also stark und geschlossen, auch wenn es nicht so war, zu agieren, täuschte schon ein wenig umfangreiche Rückendeckung von anderen vor. Klar war auf alle Fälle, dass mir jeder einzelne Kollege recht geben würde, leider waren und werden es nur wenige sein, die mir gleich tun neben all den Brüllaffen, deren Meinung nur laut, aber ohne den Anspruch tatsächlich etwas durchzusetzen zu wollen, im Nichts verhallt. Keine Ahnung, woran das liegt. Vielleicht, weil einst die Hände, die mir so oft ins Gesicht schlugen, immer besonders groß waren. Aber das ist lang vorbei, heute sind meine Hände besonders groß.

Warum ich allerdings so oft andere Ärsche mit rette, meist Kämpfe auch für andere austrage, kann ich mir selber nicht erklären. Und so verfasste ich unter der Überschrift „Die SCHIFFFAHRT meldet sich“ am 24.11.2014 eine E-Mail der besonderen Art an den Oberbürgermeister der Stadt Mainz, Herrn …, wer eben am 24.11.2014 Oberbürgermeister war. Ein wenig Hoffnung bestand schon, dass andere Schiffsleute von 77 den vielen Tausenden mir gleich tun und parallel ebenfalls irgendwie gegen diese Vorgehensweise ihr Haupt erheben werden.

Ich schrieb (hier aus meinem Mailprogramm kopiert in einer etwas korrigierten Fassung):

Hallo Mainz, sag mal, warum bist Du eigentlich auf einmal so schifffahrtsfeindlich?

Hat Dir die Schifffahrt nicht seit vielen Jahrhunderten die Treue gehalten? Haben Dich nicht schon die Römer mit ihren Schiffen beschützt und dafür Sorge getragen, dass Du wachsen und gedeihen konntest? Auf alle Fälle haust Du ganz schön auf den Putz mit der „Navis Iusoria“, dem römischen Überbleibsel, die Du ausgegraben hast, tust Wunder was, wie wichtig Dir das doch alles wäre, im Museum für Antike Schifffahrt. Hättest heut noch keinen Pfeffer, wenn es die Schifffahrt nicht geben würde. Hat sich nicht schon Napoleon Bonaparte mit Dir, Deinen Freihafen und Zolllagern befasst?

Tagte nicht bei Dir das erste Mal die Zentralkommission für die Rheinschifffahrt und wurde nicht bei Dir die Mainzer Akte ins Leben gerufen? Du hast auch da richtig Geschichte geschrieben, was die Schifffahrt und den dadurch folgenden Handel betraf. Hast Du nicht auch durch die Rheinregulierung profitiert, die letztendlich der Schifffahrt wegen ins Leben gerufen wurde? Hast Du nicht sogar ein Weinlagerhaus errichtet, um Deinen Wein von Schiffen in die Welt transportieren zu lassen? Sag mal Mainz, wieviel Tonnen waren das eigentlich, sicher viele oder?

Hast Unmengen an Getreide versendet, gigantische Warenbewegungen gehabt, rühmst Dich damit, abertausende Schiffe be- und entladen zu haben. Hast Deine im Umland lebenden Kühe und Schweine mit dem Futtermittel versorgt, welches die Schiffe aus den fernsten Ländern anlieferten. Hast Deine Tankstellen versorgt und Deine Öfen mit den Heizölen befeuert, das aus den fernsten Tanklagern via Schiff angeliefert wurde. Abgesehen von den Tausenden Tonnen Kohle, die Du einst dringend brauchtest, damit Dir der Arsch nicht gefriert.

Warst viele Jahre eine gigantische Sammelstelle für Flöße aus den Nebenflüssen, wenn Du Dich erinnern solltest. Die wurden zu riesigen Floßverbänden zusammengestellt und den Rhein hinunter bis in die Seehäfen gerudert und geschleppt.

Viele der entgegen kommenden Schiffe wussten, „dieses Floß kommt aus Mainz“. Du hast Dir auch damit tatsächlich einen großen Namen gemacht, Mainz!

Denk mal an die Ruthof-Werft. Noch heute fahren Schiffe, die auf dieser Werft gebaut wurden. Der Schaufelraddampfer GOETHE oder dieses Bereisungsschiff der WSA, das sogar Deinen Namen trägt.

Waren sicher unglaublich viele Menschen, die in Deiner Stadt nur leben konnten, weil sie an dieser Werft, Deinen Häfen, dem Schiffsumschlag und den Fahrgastschiffen Arbeit fanden.

Und das über viele Generationen hinweg.

Wie war das nach den diversen Kriegen? War es u. a. nicht auch

die Schifffahrt, die Dir Baumaterialien brachte und Altlasten abtransportierte?

Was hat Dich dazu bewogen, diesen Deinen Lebensbegleiter so in den Arsch zu treten? Seit Jahrhunderten gehen Schifffahrtstreibende bei Dir ein und aus, viele Tausend Schifferbeine haben Dich immer mit Freude betreten. Du warst immer eine beliebte und auch notwendige Zwischenstation für die Schifffahrt. Sei es, um den nächsten Tag abzuwarten, weil man des Nachts nicht durch das Gebirge fahren durfte oder wollte. Oder, um einfach mal etwas einzukaufen, etwas zu essen, Getränke usw. Du warst einfach perfekt, direkt an dieser Mauer am Zollhafen, kurze Wege und man muss nicht so lang und weit schleppen, was man bei Dir eingekauft hat.

Oder gar, weil Du eine schöne Stadt bist, die man vom Liegeplatz am Zollhafen sehr gut erreichen kann. Oder aber, heutzutage, um Personalwechsel zu machen. Du bist eine ideale Station, da Du mit Stromkilometer 500 ziemlich die Mitte des Rheins bist und für das wechselnde Personal, das vom Unter- oder Oberlauf, links und rechts von Dir anreist, gleich weit entfernt bist. Die Bahn hält regelmäßig an Deinem Bahnhof und der Flughafen liegt auch gleich um die Ecke.

Was ist passiert? Warum trittst Du diese, Deine lange Geschichte auf einmal mit Füßen? Dir ist schon klar, dass Du der treibenden Schifffahrt so richtig eine aufs Maul gehauen hast, oder?

Warum willst Du uns auf einmal nicht mehr haben?

Hat der Mohr seine Schuldigkeit getan?

Warum lässt Du uns nicht diese paar hundert Meter Mauer am Zollhafen, damit wir weiterhin etwas mehr an Deinem Leben teilhaben können?

Warum verweigerst Du Deinen Bürgern, uns näher kennenzulernen?

Warum muss für Dich Schifffahrt nur durch vorbeifahrende Schiffe bestehen?

Noch immer sind wir in unserer Tätigkeit präsent. Anscheinend mehr, als Du zu glauben vermagst. Siehe Weisenau, Mombach, Gustavsburg usw. versorgen Dich noch immer treu und redlich. Es merkt nur keiner mehr, weil man uns an die Stadtränder verbannt hat. Die Schifffahrt ist sehr schockiert und enttäuscht über Dein Handeln. Du bist nur noch im negativen Sinne erwähnenswert und Dich nur eines Blickes zu würdigen, fällt uns sehr schwer. Dich im Zusammenhang mit einer Geschichte aus unserem Leben zu würdigen, wird immer schwieriger. Keine Geschichte mehr, die man sich über Mainz erzählen wird. Keine Überlieferung an den Nachwuchs, außer, dass Du uns verbannt hast. Letztendlich wirst Du nur ein Wort sein, welches man für den Erwerb eines Schifffahrtspatentes kennen muss.

Vielleicht denkst Du mal darüber nach und entschließt Dich vielleicht doch noch, uns irgendwie weiterhin an Deinem Leben teilhaben zu lassen. Ich glaube, das bist Du mir schuldig. Trotzdem Grüße ich Dich, weil es der Anstand gebietet.

Deine Schifffahrt.

Ich schrieb noch ein paar Worte zum Verfasser, nannte meinen Namen und dass ich seit 1978 in der Binnenschifffahrt und heute noch als Kapitän tätig bin.
Ich ergänzte noch Folgendes:

Die Binnenschifffahrt ist im vollen Umfang sehr entsetzt, verletzt und auch enttäuscht, was da so vor den Toren dieser Stadt passiert. Ich bin der Meinung, dass Sie und Ihre Stadtväter das wissen sollten. Sie können davon ausgehen, dass WIR, ALLE Binnenschiffer, die diese Anlegemöglichkeit an ihrer Stadt als extrem wichtig bezeichnen, Ihrem Handeln mit dem aller größten Protest begegnen.

Der Fluss lebt nicht nur vom Fließen allein, das, was sich darauf bewegt, ist das, was ihn leben lässt, und damit sind nicht nur Enten und Schwäne gemeint. Die Courage, die Schifffahrt im vollen Umfang abzuschaffen, hat dann auch keiner. Jeder weiß, dass es ohne Schifffahrt nicht funktionieren wird. Die Straßen sind jetzt schon überlastet und das Schienennetz müsste verdoppelt werden, abgesehen von den biologischen Aspekten. Weder Bahn noch Lkw könnte das abfangen, was die Binnenschifffahrt leistet, und trotzdem wird sie immer mehr vom „normalen“ Leben ausgeschlossen. Dass man Güterwagons außerhalb der Stadt platziert, bedarf keiner Frage, denn diese werden nicht von Menschenhand bewegt, die am sozialen Leben teilhaben möchte. Wie auch immer.

Hier geht es darum, dass man diesen wichtigen Wirtschaftszweig, der von Menschen bewegt wird, immer weniger Beachtung schenkt, ihnen Kultur und Lebensqualität nimmt und sie dafür bestraft, dass sie einen enormen Teil zum Wirtschaftswachstum in diesem Land beitragen.

Sooo ging das Ganze auf die Reise nach Mainz und ich warte bis zum heutigen Tage, 2019, dass irgendjemand aus dem Rathaus der Stadt Mainz etwas dazu zu sagen hat.

Im Gegenteil, neben all dieser Ignoranz verschlechterte sich die Situation in Mainz am Zollhafen zusehends. Schiffe waren und sind zu sehr auf diese Mauer angewiesen und nutzten weiterhin diese Anlegestelle, immer mit einem lockeren 20 Euro Schein in der Tasche, um die Ordnungswidrigkeit zu begleichen. Das gefiel den in Amt befindlichen Stadtvätern überhaupt nicht und eine neue Strategie wurde ausbaldowert.
Was soll man tun gegen diesen aufmüpfigen Mob, der sich vom Rhein her der Stadt nähert? Steine schmeißen wäre schlecht für die Medien.

„Bojen, Fahrrinnenbegrenzungstonnen“ schlug dann wohl irgendein vermeintliches schlaues Stadtvätermitglied, bei einer womöglich außerordentlich einberufenen Krisensitzung vor. Wenn wir da Bojen vor diese Mauer legen, dann fährt auch keiner mehr da hin. Schiffe fahren doch immer zwischen den roten und grünen Bojen, den Fahrwasserbegrenzungen , und nicht außerhalb. Gesagt getan, ein Auftrag, womöglich an das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt, 3 Bojen mit der Farbe Grün/Weiß bitte, Lieferadresse Stadt Mainz, abzulegen entlang des Zollhafens.

Wir Schifffahrtstreibende hätten übrigens sehr gerne sehr viel mehr Bojen auf den Flüssen, Bojen, die tatsächlich helfend und unterstützend wirken und ernsthafte, gefährliche Hindernisse kennzeichnen.

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Diese 3 Bojen waren 2014 anders, hintereinander entlang der Mauer positioniert.

Hier spendete also der Steuerzahler 3 Bojen ausschließlich dafür, um
Abstand von uns, den Binnenschiffern, zu gewinnen. Großartig!! Nun
lagen da also kein Jahr später diese 3 Bojen im Abstand von ca. 15 – 20 Metern kurz hintereinander entlang dieser Mauer am Zollhafen.
Im Hafen war damals auch noch Löschbetrieb. Nachdem man also entlang der Mauer Steine aufgeschüttet hatte, was ein Anlegen an dieser Mauer einfach unmöglich machte, hat man nun diese Bojen so verlegt, so hat es den Anschein, damit kein Schiff auf die Idee kommt, es könnte in diesen Hafen einfahren.
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Ein Hafen der ausschließlich und nur noch den kapitalen Motorbooten und Yachten zur Verfügung gestellt ist.
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Die drei länglichen Punkte rechts in diesem Radarbild zeigen die 3 Bojen vor der Einfahrt zum Zollhafen, sowie die neue Brücke in der Einfahrt.
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Das Kartensystem in der aktuellen Fassung zeigt keine Brücke und keine Bojen in der Hafeneinfahrt. Dem Kartenvertreiber, der einmal jährlich ein Update dieser Karten vorschreibt, wurde der heutige Stand der Dinge nicht überliefert.
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3 von diesen 15 Dalben, von denen die Landverbindungen entfernt wurden. Diese 15 kleinen Quadrate rechts stellen diese 15 Dalben im Kartensystem dar.
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Noch 2014 lagen entlang dieser Mauer diese grünen Bojen. Ein „Zwischen die Bojen“-Fahren war grundsätzlich möglich.
Doch der Schiffer gar nicht feige, gewieft und vor allem wissend, dass dort, also hinter den Bojen, das Fahrwasser nicht niedriger wird, fuhr natürlich, über Generationen Jahrzehnte lang geübt, mit seinen Schiffen hinter diese grünen Bojen, um die Mauer am Zollhafen Mainz weiterhin nutzen zu können. Denn wenn er nicht weiß, „wo das tiefe Wasser steht“, wer sollte es sonst wissen? Die Wasserschutzpolizei, „die Wächter der Stadt“, erhielt den Auftrag, vom Erlass der Ordnungswidrigkeit abzusehen, erzählt man. Sie sollen aber dafür Strafanzeigen schreiben. Da sind dann schon mal unter Umständen ein paar hundert Taler fällig. Shit happens, wenn's nötig ist, wird da weiterhin zwischen Boje und Mauer gefahren, fertig. Es gibt Situationen da geht es einfach nicht anders.
Da waren die Stadtväter aber erbost, eieiei, so geht das nicht, die Macht sind ja schließlich wir … solch einen Widerstand, deren Handlung sich zwar in Grenzen hielt, hätten sie nicht erwartet. Mit empörendem Alarm, Alarm, wurde anzunehmender Weise wahrscheinlich eine erneute außerordentliche Sondersitzung einberufen. Was tun, beriet man sich im Kreise, dieses miese Volk lässt sich einfach nicht in die Knie zwingen. Es bleibt natürlich zu vermuten; dass die Behörde, das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt, von Anfang an, also schon immer, umfangreich in diese Angelegenheit involviert war, also zu Rate gezogen wurde.

Natürlich muss ein solch riesiges Unterfangen sehr umfangreich von der zuständigen Behörde begutachtet werden, denn auch diese Stelle muss so einiges, was den Eingriff in ihr Revier, ihre Wasserstraße betrifft, erstmal genehmigen. Selbstverständlich wusste und wissen die Behörden seit Jahren vom Problem der Binnenschiffer, viel zu wenige Liegeplätze entlang aller Wasserstraßen zu haben. Warum sie all das duldete, demnach genehmigte, bleibt schon etwas bedenklich. Der Gedanke macht die Zunge pelzig und dieser Spruch „Wenn das mal alles koscher war“ mag eventuell berechtigt sein. Womöglich kam sogar die Empfehlung von der WSA oder sie gab den „guten Rat“, diese Bojengrenze zu setzen, um diese Brut aus der Stadt fernzuhalten. Ein Landei käme da wohl eher nicht drauf.

Dürfen wir uns also verraten fühlen? Ja, das dürfen wir. Wie auch immer, diese Bojenaktion ging auf alle Fälle gewaltig in die Hose. Was machen wir jetzt, beratschlagte man sich im Kreise der Schifferablehnungsfront. Steine – schlug wohl jemand aus deren Riege oder auch „verratender Weise“ das WSA vor, schöne dicke fette und schwere Granit- oder Basaltbrocken werden dies Problem ein für alle Mal lösen.

Womöglich sagte einer der anwesenden Stadtväter, einer leuchtet ja immer ein wenig dunkler, „Also doch mit Steinen werfen?“

Sie kauften also irgendwo, sicher in keinem Baumarkt, einige Tausend Tonnen dieser dicken, schweren, speziellen Wasserbausteine. Da geht einiges an Material, allein durch die Tiefe des Wassers entlang dieser Mauer am Zollhafen, verloren und das, was man an der Wasseroberfläche sieht, sind sicher keine 5% der verwendeten Menge. Ob diese Form des „Steinwurfs“ auch zu Lasten des Steuerzahlers ging, wäre interessant zu erfahren.

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Leider bei diesem höheren Wasserstand nur schwer zu erkennen. An der Wasserlinie dieser Mauer ist nur die Spitze dieses Steinwurfs zu erkennen. Sicher ist
dieser 3 Meter tief.
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Entlang dieser ganzen Mauer, auch in die Gegenrichtung befindet sich also diese Steinaufschüttung Und diese Mauer, die früher durchgehend gleich hoch war wie ganz am Anfang (rechts mittig), wurde etwas abgetragen und in dieser Vertiefung eine Terrasse errichtet. Sitzhohe Stufen für all die Menschen, die sich dort platzieren wollen und den vorbeifahrenden Schiffen nachsehen können. Sehr viele Städte tun dies, anscheinend ein Trend diese Aussichtsplattformen.
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„Die graue Kiste zu Mainz“.

Damit, mit diesen Steinen vor die Mauer, war das Schicksal der Binnenschiffer besiegelt und eine unglaubliche Wut machte sich breit auf allen Wasserstraßen, denn diese ziemlich miese Geschichte verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Die Stadt Mainz allerdings musste ihren Sieg auch noch hämisch und um sich spuckend festigen. Womöglich war dieser unvorhergesehene Widerstand der Binnenschiffer von vielen dieser Stadtväter und Mütter zu persönlich in Betracht gezogen. Die vermeintlichen Sieger der Schlacht stellten somit auch noch spottend und spuckender Weise neue Schilder auf.

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Die neuen Hinweiszeichen mit binnenschifffahrtsfeindlichen Hinweisen.

Dies bedeutet, von oben nach unten im Amtsdeutsch nach Schifffahrtspolizeiverordnung:

Oben: Hinweiszeichen E.5, Erlaubnis zum Stillliegen auf der Seite der Wasserstraße, auf der das Zeichen steht.

Mitte: Verbotszeichen A.9, Vermeidung von Wellenschlag oder Sogwirkungen.

Unten: Zeichen für Einschränkung C.1, Die Fahrwassertiefe ist begrenzt.

Im Klartext heißt dies:

Hey Schiffer, wir haben Dir nie verboten, hier anzulegen, Du bist weiterhin herzlich Willkommen. Nur achte darauf, die Fahrwassertiefe an der Stelle, an der wir Dir das Anlegen erlauben, birgt ungeahnte Gefahren. Dein Schiff wird ziemlich wahrscheinlich Schaden nehmen, wenn Du es an dieser mit Tausenden Tonnen harten Basalt, „Vor-Schiffen“-Schutzsteine anlegst. Tausende Tonnen harte Basaltsteine, die wir extra wegen Dir dort versenkt haben. Sie sollen erfolgreich verhindern, dass Du Subjekt an unserer Stadt anlegst. Selbst mit diesem von uns gut gemeinten Schild „Vermeidung von Wellenschlag und Sogwirkung“, welches man nachts zum Beispiel nicht sieht, bist Du an unserer Mauer am Zollhafen auf keinen Fall sicher, aber wir sind Dich los und dennoch unserer Sorgfalt und unseren guten Willen nachgekommen.

Diese Aktion ging ebenfalls wie ein Lauffeuer über den Äther aller Funkgeräte. Mainz geht als großer Sieger aus dieser letztendlich für uns chancenlosen Schlacht hervor. Womöglich erklärte die verbrüderte Bande der Wasserbehörde ihre Empfehlung folgender Maßen: „Auf strömenden Gewässern an Land ein Schiff zu befestigen, welches sich, örtlich bedingt, an solchen Wasserbausteinen anlehnen muss, ist definitiv nicht ratsam. Die Gefahr, dass sich einer dieser harten Brocken durch die Bordwand drückt, ist einfach zu groß und der bekämpfte, vertriebene, miese, dreckige, womöglich pestbringende Binnenschiffer einfach zu verantwortungsbewusst.“

Last but not least bestand noch das Recht auf eine Schutzhafenfunktion für die Binnenschiffer. Jeder in der Regel zu befahrende Hafen muss diese Möglichkeit, die Nutzung als Schutzhafen, bei besonderen Ereignissen gestatten, gebührenfrei, bis eine Weiterfahrt möglich ist. Ein fast schon historisch überliefertes, uraltes, wahrscheinlich in der Mannheimer Akte von 1868 niedergeschriebenes Gesetz, welches aber auch in jeder Hafenverordnung verankert ist. Besondere Ereignisse wären extreme Hochwasser oder Eisgang, der den Schiffen die Weiterfahrt unmöglich macht oder gar verbietet. Oder Schifffahrtssperren anderer Art, wie Dinge, welche die Fahrrinne blockieren, wie zum Beispiel am 13. Januar 2011 beim Untergang des Tankschiffes „Waldorf“, diesem schweren in dieser Form ersten Unglück im nur 55 Kilometer entfernten Gebirge an der Loreley mit zwei ertrunkenen Kollegen, „Gott sei ihren Seelen gnädig“. Erst am 14. Februar 2012 wurde die Schifffahrt wieder freigegeben. Auch der Zollhafen Mainz lag damals „voll bis obenhin“ mit Schiffen, die auf Weiterfahrt warteten.

All die Zeilen und Worte vorher lassen klipp und klar erahnen, dass die Mainzer Stadtväter, Investoren, Baulöwen und Schifffahrtsgegner von irgendjemandem stets recht gut beraten waren, was List und Tücke, aber im gleichen Maße Schlechtigkeit oder Charakterlosigkeit betrifft.

Man erinnert sich an die einstig herrlich genietete Stahlbrücke, die schon 1887 bei der Einweihung des Zollhafens in der Hafeneinfahrt platziert war, in den Kriegswirren im zweiten Weltkrieg zerstört und nicht wieder aufgebaut wurde. Intelligenterweise errichtete man damals eine Drehbrücke. Man wollte die Schiffe natürlich im Hafen haben, das war selbstredend der Grund für die Errichtung dieses Hafens, dass  Schiffe aus aller Welt hierher kommen, um ihre Waren zu laden und zu löschen. Schiffe kamen, gaben Signal und die Brücke öffnete sich. Durch Drehen wurde rechts und links neben der Brücke eine Durchfahrt frei und ein hindernisfreies hinaus- oder hineinfahren in den Hafen möglich.

Kurzum, man errichtete eine neue Brücke, dieses Mal allerdings mit einem „Hoch“klappmechanismus, die Mitte 2017 für 3 Millionen Euro in Betrieb ging. Allerdings nur für Segeljachten oder etwas höhere und fette Motorjachten versteht sich. Es wurden berechnenderweise zwei relativ schwache Brückenpfeiler so eng nebeneinander gestellt, dass ein Durchfahren dieser Brücke für ein Standard-Binnenschiff womöglich unmöglich ist. Sollten 3.000 Tonnen einen dieser Brückenpfeiler berühren, fällt der ganze Krempel garantiert in den Bach. Die Schutzhafenfunktion wurde also ebenfalls sehr berechnend ausgehebelt. In welchen Hafen Binnenschiffe in aller Zukunft Schutz finden können, findet nun mit einem Hafen weniger, erweitert keine Antwort. Letztendlich, um allen Widrigkeiten zu trotzen, legte man noch Schwimmsteganlagen mit 140 Liegeplätzen für Motorjachten an, zwischen 1.750 und 4.500 Euro im Jahr zu mieten. Die Steganlage wurde nachvollziehbarerweise auch so platziert, dass selbst ohne diese Brücke kein Befahren des Hafens mehr möglich ist, ohne diese Anlegestege und Motorjachten dieser reichen Menschen zu tranchieren. Klar ist, dass all das große Unterfangen nicht zwischen Wein und Saumagen entschieden wurde. Das war von Anfang an alles so geplant, alles wurde umfangreich abgeklärt, auch wie man die Berufsschifffahrt endgültig aus der Stadt bringt.

Ich bin in den letzten Jahren seit November 2014 sicherlich über 150 Mal an Mainz vorbeigefahren, mit dem Strom zu Tal oder gegen den Strom zu Berg. Ein Blick in Richtung Zollhafen erfolgt eigentlich nur immer, um zu sehen, was da so passiert. Speichel sammelt sich allerdings immer vollkommen unerwartet in meinem Rachen und das Verlangen, all dem miesen Volk vor die Füße zu spucken. Habe auch schon Mal ordentlich mit dem Typhon, unsere Schiffshupe, Krach gemacht, um meinen Protest erklingen zu lassen. Leider haben die meisten Binnenschiffer in Sachen Widerstand längst die Segel gestrichen, der Sieg ist also endgültig der ihre. Dabei hätten sie eine so unfassbare Macht, die Binnenschiffer.

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Man stelle sich vor,...

jedes einzelne Schiff der mehreren Hundert, welches tagtäglich durch Mainz fährt oder durch andere miese Städte wie Köln, die der Stadt Mainz in keinem nachsteht, würde tatsächlich hupen, also Signal geben, so lange, bis diese miese Stadt, die sie letztendlich durchfahren müssen , hinter ihnen liegt. Das wäre ein 365 Tage langer Dauerton, da Schifffahrt 365 Tage ohne Unterbrechung im Jahr durch diese Stadt fährt. Die Wasserschutzpolizei wäre absolut machtlos, sie wäre gar nicht in der Lage, all die vielen Binnenschiffe anzufahren , um Protokolle zu schreiben, geschweige denn, den immer folgenden Hupton einem Schiff zuzuordnen, wer von den vielen da gerade gehupt hat, wenn sie es alle im gleichen Maße täten. Wenn nur 5 Schiffe gleichzeitig hupen, würden die Fenster erzittern, 24 Stunden am Tag wäre dies möglich.
Dann hätten auch die Medien aktiver werden müssen, egal, wessen Interessen sie tatsächlich vertreten. Womöglich würde auch mal der Bürger, der nicht im Zollhafen seine Motoryacht liegen hat, fragen: „Was ist denn da los?“ Nun hat die Binnenschifffahrt für sich entschieden, dass dies alles so in Ordnung ist, was diese Städte treiben, also sollen sie gefälligst auch still schweigen. Reedereien waren auch keine große Hilfe, hab auch nichts gehört, dass sie sich irgendwie massiv dazu geäußert hätten, dafür fürchten die meisten wahrscheinlich viel zu viel politische Auswirkungen. Einige vertreten ja eher das Motto: „Schiffe brauchen keine Liegeplätze, wenn sie 24 Stunden an 365 Tagen im Jahr fahren.“ Mit Stillliegen wird kein Geld verdient. Womöglich denkt der eine oder andere sogar, ist doch gut, wenn es keine Liegeplätze mehr gibt, dann besteht auch keine Gefahr, dass mal jemand irgendwann den Anspruch erhebt, an einer Stadt anlegen zu wollen.

Und die Schiffsbesatzungen, welche diese 24 Stunden an 365 Tagen im Jahr abreißen, sehen dies wahrscheinlich ähnlich, da ganz nach dem Motto, in drei Wochen Schicht an Bord ist kein Sinn darin zu erkennen, irgendwo eine Stadt zu besuchen. Die armen Partikuliere, diese Familienbetriebe , die tatsächlich ganz extrem auf Liegeplätze angewiesen sind, die waren in der ganzen Protestaktion am meisten involviert. Auch Kollegen aus Holland und Belgien. Sie kämpfen dafür, was anderen scheißegal ist, weil sie sowieso 24 Stunden in ihren 3 Wochen an Bord sind und fahren müssen. Wahrscheinlich sind dies irgendwann Leute, die diese Liegeplätze genauso selbstverständlich nutzen werden, wie die, die diese Liegeplätze erkämpft haben, womöglich am Ende der Kämpfer nicht einmal selbst nutzen kann, weil diese Schiffe, die ja eigentlich 365 Tage im Jahr fahren, auf einmal an den Liegeplätzen liegen, für die sie nicht bereit waren, nur einen Finger krumm zu machen.

Wenn mal irgendwann ein Erfolg erzielt sein könnte, wird es auf einmal wieder heißen: „Wir sind doch alle Binnenschiffer.“ Mein Großneffe würde sagen: „Fick Dich, gerechte Welt. Ich könnte kotzen.“ Binnenschiffer sind tatsächlich nur noch in einem alle gleich und viel zu gut, in der unermüdlichen Leistung, die sie bringen.

Den Schuh, nichts getan zu haben, brauche ich mir sicher nicht anziehen , habe auch versucht, mit anderen Kontakt zu finden, z. B. „Mainz Report“ und den ansässigen Printmedien usw. Womöglich wurden diese angehalten, sich da bedeckt- oder zurückzuhalten oder sind gar selber Mieter oder Käufer irgendeiner Immobilie am Zollhafen, weiß der Teufel. Soviel also zu „Mainz Report“, diesem 30-minütigen, sachlichen und objektiven Politmagazin, dass nur das gewillt ist aufzudecken, womit sie sich zu 100% keinen Schnabel verbrennen können. Es scheint sich daher schon von irgendjemandem zensieren zu lassen oder irgendwie doch parteiisch zu sein und nicht wie seit Jahren suggeriert – NEUTRAL. Geradezu unheimlich, wie schnell dort dieses Schickimicki-Viertel, dieses Stadtquartier „Wohnen am Zollhafen“, tatsächlich so genannt, gewachsen ist. Wenn 2025 die letzte Tür gesetzt ist, sollen eine Milliarde Euro verbaut worden sein und man spricht von Quadratmeterpreisen von bis zu 7.000 Euro, inklusive einer Keine-Binnenschiffe-vor-der- Haustür-Garantie. Ein Hafen, oh je, NEIN! – eine „MARINA“ selbstverständlich. Die Schickimicki-Gesellschaft sagt ja MARINA zum Hafen , damit keine schmutzigen Verwechslungen entstehen, eine Marina, die nur dem kapitalen Yachtbesitzer vorbehalten ist.

Auf ein Motorboot oder eine Motoryacht werden übrigens keine Kfz- Steuern oder ähnliches wie beim Pkw erhoben. Alle Motorboote und Motorjachten dürfen kostenlos mit zwei fetten, katalysatorfreien Dieselmotoren á 5.000 cm³ Hubraum und 2.000 PS Motorleistung ihre Abgase mit ihren rußigen Feinstaubdreckschleudern genehmigt auf die Wasseroberfläche des Rheins blasen. Es gibt auch keine technische Überwachung oder ähnliches. Dieser Kapitalistenklüngel unterliegt tatsächlich keinerlei Überwachung oder Kontrolle, weder der Umwelt zu liebe noch der Verkehrssicherheit wegen. 1.400 Menschen und 4.000 Arbeitsplätze sollen dort angesiedelt werden, oder besser gesagt, die betuchten Bürger sollen dazu animiert werden, Wohnraum zu kaufen mit Rheinblick, direkt vor der Haustür einen hochmodernen Yachthafen. Soviel zum sozialen Wohnungsbau. Seit letztem Quartal 2018 blieben die Proteste der Binnenschifffahrt tatsächlich nicht wirklich ungehört. Ein bisschen was hat all der kleine Widerstand anscheinend doch gebracht. Oder man suggeriert, dass ihre Proteste erhört wurden. Oder aber, man hat genau das, diesen Protest und Widerstand eingeplant und erwartet, womit man nun gut vorbereitet , umzugehen weiß. In Anbetracht all der Ohrfeigen und verwerflichen Aktionen der Städte und Ämter darf man sich erlauben, auch dies, die Vorspiegelung falscher Tatsachen, in Betracht zu ziehen. Auf alle Fälle spricht man davon, in Mainz, die sich in dieser Position jetzt „Mainz Neustadt“ nennt, wieder Anlegestellen zu bauen. Es wäre schon 2013 geplant gewesen und es gäbe dafür schon „Vorentwurfszeichnungen“ von 2014 heißt es auf einmal.

Warum zum Teufel wussten denn all die neuen Anwohner, die sich dort für Millionen von Euro ansiedelten, nichts von diesen Vorentwurfszeichnungen und deren Umsetzung? Warum wurde der Schifffahrt nicht schon 2013 mitgeteilt, macht euch keine Sorgen, ihr bekommt eure Liegeplätze wieder? Doch Augen auf, mit der heutigen Technik ist es kein Problem, jetzt einen Plan oder ein Schriftstück zu erstellen, auf dem unten links zum Beispiel 12.05.2013 steht. Auf alle Fälle, so hieß es, könnten Beanstandungen bis 17. Dezember 2018 eingereicht werden und schon Anfang November 2018 waren über 250 Einwendungen eingegangen. Nun ist das ja so, als ganz normaler Vorgang ganz nüchtern betrachtet, jeder einzelne Einwand muss geprüft, bearbeitet und letztendlich als „unbedenklich“ widerlegt bzw. abgelehnt oder abgeklärt werden. Ist dies nicht möglich, scheitert unter Umständen solch ein umfangreiches Vorhaben. All das, die ganzen Einwände zum Abschluss zu bringen, macht, wenn es so wäre, schon mal unglaublich viel Arbeit, die sich jahrelang in die Länge ziehen kann. Und nur so ganz nebenbei, es ist auch kein Problem, irgendeinen Einwand, eine Bedenklichkeit gegenüber einem Bauvorhaben oder einer Veränderung anderer Art ganz offiziell einzureichen. Auch fingiert, weil man jemanden nicht mag, der Langeweile oder nur des Spaßes wegen. Oder aber, weil man etwas unnötig in die Länge ziehen möchte. So lange man die vorgegebenen Fristen einhält, darf da jeder Bürger mitspielen bei diesem, dann durchaus miesen Spiel. Ich ganz persönlich mutmaße eine miese und äußerst berechnende Aktion seitens der Stadt und der Ämter. Wie sollte es denn anders sein, wenn man deren bisheriges Vorgehen betrachtet?

Alle Involvierten müssen seit geraumer Zeit mächtig Gegenwehr von den Schiffern erfahren. Es ist doch von Amtswegen ein Leichtes, den Betroffenen zu suggerieren, dass wir, die Stadt und das Amt, schon seit 2013 die Schifffahrt in unsere Vorhaben einbezogen haben. Zügig mal schnell eine „Vorentwurfszeichnung“ malen, dass Blatt mit einem rückwirkenden Datum versehen, dieses mit „ja, könnt ihr euch denn nicht erinnern“ „erneut“ vorlegen, womit unser immer währender Wille, Schiffsanleger im Programm Mainz Vorstadt bauen zu wollen, dokumentarisch bestätigt ist. Alle Gegenparteien, die Schifffahrt, die diese Liegeplätze wollen, und die Anwohner, die diese Liegeplätze nicht wollen , werden auf einmal wie aus dem Nichts von Amts wegen darüber informiert.

Der Schifffahrt wird suggeriert: „Wir haben Euch nie vergessen, haben immer an Euch gedacht, Ihr wart immer Teil unseres Plans, schon als wir begannen, die Mainz Neustadt zu planen und zu errichten.“ Warum sich von November 2014 bis Oktober 2018, über 4 Jahre, trotz massiver Aktionen und Nachfragen vieler Betroffener keiner, absolut niemand, dazu geäußert hat, scheint schon zu bestätigen, dass dieses plötzliche Erscheinen dieser „Vorentwurfszeichnung“ fingiert sein könnte , damit man nach all der unerwarteten Gegenwehr irgendwie seinen Arsch retten oder sein fragwürdiges Image etwas festigen kann. Die Parteien können sich dann erstmal umfangreich damit befassen, mit dieser plötzlich aufgetauchten Vorentwurfszeichnung. Die Anwohner können Bürgerinitiativen gründen, Menschenketten bilden und andere Demonstrationen planen, Einsprüche und Einwendungen verfassen, mit Anwälten drohen, Verfügungen ausarbeiten, Medien beschäftigen und vieles, vieles mehr, was letztendlich in einer nicht absehbaren Zeit, unter Umständen Jahren, den Bau dieser Schiffsanlegestellen zum ersten massiv behindert und letztendlich auch verhindern wird. Der Binnenschifffahrt wird suggeriert von Stadt und Amt: „Schau mal, Schiffer, Ihr wart immer Teil unseres Plans, die Anwohner wollen das jetzt verhindern. Es tut uns wirklich schrecklich leid.“ Das haben sie ja recht geschickt eingefädelt, haben sie strategisch ordentlich durchdacht, die Stadt und das Amt. Sie wussten immer ganz berechnend, wie sie vorgehen werden. Für Wohnungen direkt am Rhein mit den stinkigen und lärmenden Binnenschiffen und das, was sie sonst noch so negatives mit sich bringen, vor dem Küchenfenster, hätte doch kein Mensch so viel Geld ausgegeben. Dass die Schiffer zu einem meiner Meinung zu schwachen Widerstand aufrufen, damit haben sie nicht gerechnet, konnten es aber auf Dauer nicht ignorieren, auch wenn sie es, einige JAHRE getan haben. Letztendlich fechten wir das jetzt aus – die Anwohner und die Binnenschiffer.

Die Stadt und das Amt haben ihre Mittel und Wege geschickt vorbereitet und sitzen dies in aller Ruhe aus, all die vielen Jahre, bis es heißt: „Wir dürfen leider keine Anlegestellen bauen. Die Anwohner hatten die besseren Argumente, tut uns leid, Ihr Binnenschiffer, wir haben wirklich alles versucht.“ Das war dann eigentlich auch schon der krönende Abschluss zu all der miesen Geschichte.

Wir Binnenschiffer werden weiterhin den Rhein hoch und runter fahren, das ist unser Job, mit all den guten und all den miesen Geschichten, die in all den Jahren geschrieben wurden und hoffentlich weiterhin nicht nur von mir geschrieben werden. Die Archive haben für unsere Geschichten immer einen Platz übrig. Und da das Regal B., wie Binnenschifffahrt, ziemlich leer ist, sollten sich noch sehr viel mehr daran beteiligen, dies zu ändern. Es kann doch nicht sein, dass diese miesen Geschichten dieser vielen Städte und der in diesem Zeitraum in Amt und Würden befindlichen Personen, die ja ebenfalls archiviert sind, in unserer Zeitepoche nach unserem Ableben verstummen. Soviel berechnende Schlechtigkeit darf einfach nicht vergessen werden. Wir können leider auch diese Stadt nicht umfahren, was womöglich den einen oder anderen recht lieb wäre. Genauso wenig wie Köln, Düsseldorf und andere Städte, die sich gleichwertig mies verhalten und ihr Ziel annähernd ähnlich wie dieses Mainz durch- und umgesetzt haben. Womöglich beratschlagten sie sich untereinander, da ein jeder irgendwie genauso schlecht ist wie der andere. Sollte mich irgendwann ein neuer Schiffsjunge nach den Namen dieser Stadt fragen, werde ich ihn auffordern, dies im Atlas nachzuschlagen oder zu Googeln und hoffe sehr, dass diese miese Geschichte bis in alle Ewigkeit irgendwo einen sicheren, immer lesbaren Platz finden wird. So ein wenig macht sich Ekel breit, wenn ich diese charakterlosen Städtenamen aussprechen muss. Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich zu lange bessere, schönere und menschlichere Situationen an diesen Städten erlebt habe. Für den Nachwuchs, die neue Generation der Binnenschiffer, die all das Schöne, was es einst gab, und das darauf folgende Schlechte auf jeden Fall am eigenen Leib erfahren wird, könnte all das dann schon zur traurigen Normalität werden.

Schifffahrt geht, wie die letzten 2.000 Jahre, weiter. Es wird weiterhin schlechter für all die Schiffe und Schiffsbesatzungen. Besatzungen stumpfen ab und all die Städte werden nicht sehr lange erwähnenswert bleiben. Mit dem Rückzug der alten Besatzungen verschwinden auch deren Geschichten, die in diesen Städten erlebt wurden. Die neue Generation Binnenschiffer wird in und an diesen Städten keine Geschichten mehr erleben oder gar niederschreiben.

Eine Milliarde Euro für all dies gigantische, unglaublich schnell gewachsene und nicht einen lumpigen Cent für die hier immer allgegenwärtig gewesene Binnenschifffahrt – man gab uns nicht einmal das wieder , was wir vorher hatten, was für eine miese Geschichte.


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